Bauwerksuntersuchung und Bauwerksprüfung

Eine Ikone der Nachkriegsmoderne mit den Augen eines Detektivs betrachtet

Alexander Schoßmann spürt Bauschäden auf und ist erst zufrieden, wenn Erfahrunswerte und Ist-Zustand zusammen passen.

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Das Arabellahaus ist eine Ikone der Nachkriegsmoderne in München. Das 150 Meter lange und 19 Meter breite Gebäude von 1966 ist freilich in die Jahre gekommen. Dank einer zielorientierten und detaillierten Bauwerksuntersuchung bleibt es bis 2030 sicher in Betrieb.

Das Arabellahaus kennt jeder in München. Eben schrieb SZ-Journalist Gerhard Matzig, hier werde intelligent mit Beton umgegangen, weil die Lebenszeit des Hauses verlängert wurde. Ist das korrekt?

Genau. Bis 2030.

Was war Ihr Part dabei?

Wir kümmern uns darum, dass dieses in die Jahre gekommene Bauwerk sicher bleibt, bis zu dem Zeitpunkt, an dem es umgenutzt wird oder erneuert wird.

Fassade des Arabella Hochhauses

Das ist bei einem solchen Giganten sicher eine Herausforderung. Wie gehen Sie vor?

Zunächst beschäftigen wir uns mit der Struktur, also mit dem Tragwerk und fragen, wo es Einwirkungen von außen gibt: Was beeinträchtigt mein Bauwerk? Was „nagt“ an ihm? Die Witterung? Welche Arten von Schäden treten auf und welche sind zu erwarten? Um welche Konstruktion handelt es sich? Steht da eine solide, robuste Konstruktion? Oder eine filigrane, sensible Konstruktion?

Wo gibt es Einwirkungen von außen? Was beeinträchtigt mein Bauwerk? Was „nagt“ an ihm? Welche Arten von Schäden treten auf und welche sind zu erwarten? Um welche Konstruktion handelt es sich?

Sie nehmen das Objekt in Augenschein und prüfen handnah.

Ich schaue tatsächlich genau hin und fasse an. Der Hammer ergänzt die handnahe Prüfung. Letzendlich vergleiche ich das, was ich sehe, mit meinen Erfahrungen, was bei derartigen Konstruktionen passieren kann. Wir arbeiten wie Sherlock Holmes, versuchen einem Sachverhalt auf die Spur zu kommen und den kausalen Zusammenhang herzustellen.

Es geht immer um die Standsicherheit, die Verkehrssicherheit und die Dauerhaftigkeit.

Sie prüfen die Verkehrssicherheit eines Bauwerks. Es geht um Dauerhaftigkeit.

Es geht immer um die Standsicherheit, die Verkehrssicherheit und die Dauerhaftigkeit. Sie stehen in einem logischen Zusammehang und folgen in der Regel aufeinander. Hier geht es in erster Linie um die Sicherung der Verkehrssicherehit.

Wir fragen immer: Geht von dem Gebäude eine Gefährdung aus, etwa wenn etwas von der Brüstung bröckelt? Letztlich geht es um Standsicherheit. Als Diagnostiker bin ich eigentlich erst zufrieden, wenn ich das Gefühl habe, dass ich den Bauwerkszustand richtig einordnen kann. Bis zu diesem Punkt bleibe ich skeptisch.

Instandetzung mit dem Ziel der Sicherung der Verkehrssicherheit- mit Textilbeton
Instandetzung mit dem Ziel der Sicherung der Verkehrssicherheit- mit Textilbeton
Instandetzung mit dem Ziel der Sicherung der Verkehrssicherheit- mit Textilbeton

Wir arbeiten wie Sherlock Holmes, versuchen einem Sachverhalt auf die Spur zu kommen mit einem Werkzeugkoffer an Methoden.

Textilbeton zur Instandsetzung von Balkonbrüstungsplatten aus Stahlbeton

Zur Instandsetzung der Fassade – mit dem Ziel der Aufrechterhaltung der Verkehrssicherheit – wurde textilbewehrter Beton (engl. Textile Reinforced Concrete, TCR) eingesetzt.

Der innovative Werkstoff eignet sich aufgrund seiner geometrischen Anpassungsfähigkeit sowie seiner hervorragenden Eigenschaften hinsichtlich der Dauerhaftigkeit. Zudem ist er leicht anzubringen.

Schadstellen werden mit einer „Textilbeton-Bandage“ umwickelt um die Verkehrssicherheit im Gebäudeumkreis zu gewährleisten.

Da diese Art der Instandsetzung mit Textilbeton im Außenbereich zum Ausführungszeitpunkt noch nicht bauaufsichtlich geregelt war, wurde eine Zustimmung im Einzelfalll erforderlich.

Sonderdruck Bauingenieur "Textilbeton zur Instandsetzug von Balkonbrüstungsplatten aus Stahlbeton"

Barhum, R., Büllesbach, J., Müller, A.: Textilbeton zur Instandsetzung von Balkonbrüstungsplatten aus Stahlbeton. In: Bauingenieur, Band 90, Heft 6, Springer VDI Verlag. 2015

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FISAT zertifizierte Seilkletterer an der Fassade

Sie durchleuchten Gebäude auf Herz und Nieren. Das Arabellahaus ist ein Beton-Bauwerk der Sechziger Jahre. Was hat sich seither technisch verändert?

Wir haben Beton sehr viel besser verstehen gelernt, können ihn technisch ausreizen. So entstehen Bauten, die einen halben Kilometer hoch sind und höher. Wir wissen sehr genau, wann das System versagt und bauen daher sehr viel näher am Limit. Vieles wird ausgereizt und dadurch sicherlich hier und da auch etwas anfälliger. Es braucht mehr Aufwand, Gebäude zu schützen. Und das macht es für uns natürlich spannend.

Kommt mit dem Zeitalter der ständigen Umnutzung ein goldenes Zeitalter für Ingenieure, die Bauwerksuntersuchung beherrschen, die immer detektivischer die Bausubstanz untersuchen müssen?

Ich mache mir um meine Zukunft jedenfalls keine Sorgen, denn neben den Baukonstruktionen ändern sich auch unsere Untersuchungsmethoden. Augenblicklich prüfen wir per Hand. Das heißt, ich muss nah ran, damit ich auch wirklich alles sehe. Das übernehmen im Falle des Arabellahaus Industrie-Kletterer zusammen mit ZM-I Ingenieuren, die FISAT zertifiziert sind und immer dann zum Einsatz kommen, wenn Hubsteiger oder Gerüst nicht mehr ausreichen. Heute hängen wir also selbst an der Wand, wir denken aber schon an Drohnen, um die Untersuchung großer Bauwerke zu automatisieren.

Und was verändert sich in Zukunft noch?

Die Forschung liefert immer bessere Modelle. Wir erkennen immer mehr und können immer Genaueres zu Gebäude sagen. Sherlock Holmes erhält also einen immer fortschrittlicheren Untersuchungskasten.