Wirklich nachhaltig bauen

Wirklich nachhaltig bauen

Bauen im Bestand | Tragwerksplanung

Wirklich nachhaltig bauen

Nachhaltigkeit entsteht immer dann, wenn Planer offen miteinander sprechen. Peter Lenz über die Verbindung von High-Tech und gelebter Kommunikation.

Innenhof, Elementum, München
© Herzog & de Meuron

Das Münchner Projekt Elementum der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron stellt höchste Anforderungen an Bauteiluntersuchung und Statik. Der 30 Jahre alte Bestandsbau steht direkt über zwei U-Bahn-Tunneln und soll Maßstäbe setzen in Sachen Recycling und Baukultur.

Wie ist es, mit Herzog & de Meuron zusammenzuarbeiten?

Spannend. Die Schweizer sind für ihre außergewöhnliche Architektur bekannt, mit besonderer Detailtiefe und einem hohen Grad der Ausarbeitung. Bewundernswert ist, wie sie vielfältige Varianten studieren und bereit sind, bereits Erarbeitetes zu Gunsten einer besseren Variante zu hinterfragen und zu ersetzen.

Herzog & de Meuron: außergewöhnliche Architektur; besondere Detailtiefe; hoher Grad der Ausarbeitung.
Visualisierung: Herzog & de Meuron

Beim Hinterfragen treffen Sie sich…

…in der Tat, wir wollen die optimale Lösung errechnen. Dabei fragen wir uns immer: Was ist das Ziel der Architekten? Und wie können wir es erreichen? Dann treten wir in den Dialog, sprechen beispielsweise über freigeschnittene Bewehrungsenden und andere unkonventionelle Lösungen. Entscheidend ist der Dialog aller Beteiligten.

ZM-I: die optimale Lösung als Ziel; der Dialog mit allen Beteiligten; Statik auf Basis architektonischer Ideen

Übersetzen Sie architektonische Ideen in Statik?

Statik wächst gewissermaßen bei der Erarbeitung architektonischer Ideen im Dialog mit den Architekten. Jeder muss die Belange der Planungspartner würdigen und bereit sein, Kompromisse einzugehen.

Kompromisse, aber keine Abstriche bei der Qualität…

Genau. Für das Tragwerk bleibt Sicherheit das Wichtigste.

Wären Sie Eiskunstläufer, ginge es um einen doppelten Axel mit Toeloop.

So ungefähr. Der Bestandsbau verlangt Sanierungsmaßnahmen an bestehenden Bauteilen, Ertüchtigungen hinsichtlich des Brandschutzes und der Tragfähigkeit. Als Grundlage für die Planung wird der Zustand der Bestandsbauteile durch unsere „Diagnostic“ geprüft.

…und trotzdem den zukünftigen Nutzer hochwertige Flächen zur Verfügung zu stellen
Die Grundidee: möglichst viel bestehende Bausubstanz erhalten…

Konkret: Welche Probleme oder speziellen Aufgaben lösen Sie beim Elementum nahe dem Münchner Hauptbahnhof?

Das Projekt setzt auf einer rund 30 Jahre alten Gebäudestruktur auf. Nachhaltigkeit steht dabei stark im Fokus. Die Grundidee besteht darin, möglichst viel bestehende Bausubstanz, im Sinne der Ressourcenschonung und CO2-Bilanz, zu erhalten und trotzdem den zukünftigen Nutzer hochwertige Flächen zur Verfügung zu stellen. Alle Arbeiten müssen unter Beachtung des statischen Korsetts des Bestandes erfolgen, wobei der U-Bahn-Betrieb direkt unter der Baustelle weitergeht.

Was kann die Abteilung Diagnostic? Und
was macht sie besonders?

Diagnostik hinterfragt einfach alles. Das sind Spezialisten, die nichts anderes tun als Bauwerksuntersuchung. Sie stellen den Zustand messerscharf dar. Wie medizinische Diagnostiker mit einem CT. Wir durchleuchten das Bauwerk umfassend.

Das Gebäude ist ein Manifest des Recyclings.

Dieser Ansatz ist zentraler Entwurfs- und Wettbewerbsgedanke. Durch den Erhalt der überwiegenden Bausubstanz, der beiden Untergeschosse sowie von drei Obergeschossen, wird der Grundsatz Re-Use verfolgt. Das reduziert den Abtransport der Abbruchmaterialien. Soweit möglich, werden Abbruchmaterialien für den Neubau wiederverwendet.

Grundstatz der Architekten: Re-Use

Was sind die größten Herausforderungen
beim Bauen im Bestand?

Neben der Frage nach einer belastbaren Bestandsdokumentation stellt die  Entwicklung der Bau- und Baustofftechnik, der Normen und Sicherheitsaspekte eine Herausforderung dar: Inwieweit genügt das Gebäude den aktuellen Bauvorschriften und den Anforderungen an die Nutzung? Beim Bauen im Bestand tauchen in der Ausführung Unwägbarkeiten auf, da die Bestandssituation gegebenenfalls nicht der Plansituation entspricht. Deshalb ist beim  Bauen im Bestand vor allem eine hinreichende Zustandserfassung erforderlich. Und das übernimmt unsere „Diagnostic“.

Visualisierung: Herzog & de Meuron

Welche Teams sind beteiligt?

Wir sind Teil des Generalplanerteams. Für die Fachdisziplin Tragwerksplanung/Statik bilden wir mit unseren Kollegen der Schnetzer Puskas Ingenieure AG eine Ingenieurgemeinschaft, ein Team im Team. Zudem sind wir für Spezialaufgaben zuständig, etwa für die Sanierung und Ertüchtigung der Tiefgarage und für Fragen zur Bestandskonstruktion – vor allem zum tatsächlichen Zustand. Neben demTeam „Diagnostic“ und „Instandsetzung“ ist auch das „BIM-Team“ involviert, um die Abstimmung der einzelnen Fachmodelle zu begleiten und den Informationsaustausch im Team zu betreuen.

Unser Grundsatz: offen miteinander reden

Was macht das Projekt Elementum besonders?

Seine Komplexität. Beispielsweise wird das Gebäude von zwei U-Bahntunneln mit geringer Überdeckung unterfahren. Der hohe Abstimmungsbedarf zwischen allen Beteiligten spornt uns an. Es zeigt sich, wie wichtig die menschliche Komponente in solchen technischen Planungsprozessen bleibt. Nur durch ein Miteinander im Team lässt sich die Aufgabe erfolgreich lösen.

Also Dialog von Menschen trotz vieler Excel-Tabellen?

Unbedingt. Daten sind gut, aber wenn sie nicht zusammenpassen, liegt es oft daran, dass Menschen nicht miteinander reden. Offen und fair zu kommunizieren, das ist Teil unseres Unternehmensleitbildes. Wir sprechen Probleme vertrauensvoll und transparent an, auch wenn es unangenehm ist. Wir wollen schließlich Probleme lösen und keine Schuldigen suchen. Das ist Baukultur.

Das Alte erhalten

Das Alte erhalten

Bauen im Bestand

Das Alte erhalten

Die einstige Münchner Oberpostdirektion zeigt, wie ein Meisterwerk der Moderne ertüchtigt wird: durch vorrausschauende Planung. Denn hinter manchen Fassaden lauern konstruktive Überraschungen.

Münchens Schmuckstück strahlt in neuem Glanz: das neue Art Deco Palais

Der Umbau des Münchner Art Deco Palais gelang vorbildlich. Unsere Spezialisten erkannten konstruktive Schwachstellen, bevor sie zum Problem wurden. Doch wie sollten wir generell mit dem Bestand umgehen? Wir setzen auf Nachhaltigkeit. Unser Motto: Genau hinschauen, flexibel reagieren, ganzheitlich denken.

Betonabplatzungen, Risse, freiliegende Bewehrungsstäbe, lose Betonabdeckungen: Die ehemalige Münchner Oberpostdirektion an der Arnulfstraße war ein Sanierungsfall. Etwa ein Viertel des insgesamt rund 40.000 Quadratmetern großen Bauwerks aus dem Jahr 1924 nahmen unsere Bauwerksuntersucher genau unter die Lupe. Münchens einst größter Verwaltungsbau sollte ein zeitgemäßes Bürogebäude werden. Im Zentrum standen höhere Anforderungen an die Aufenthaltsqualitäten und den konstruktiven Brandschutz. Genau hinschauen, flexibel reagieren, ganzheitlich instand setzen: Das ist unser Ziel – und diese Qualitäten bieten wir aus einer Hand.

Instandsetzung und Bauwerksuntersuchung bei ZM-I aus einer Hand

Verborgene Schwächen erkennen

Das neue Art Deco Palais verbindet historischen Charakter und moderne Bürolandschaften. Damit dies gelang, untersuchten wir die Bausubstanz vor der eigentlichen Instandsetzung. Denn hinter optischen Mängeln verbergen sich oft größere Risiken. Etwa in der ursprünglichen Deckenkonstruktion, die wir genau prüften. Eine besondere Herausforderung beim Art Deco Palais stellte der Denkmalschutz dar – insbesondere die Wiederherstellung der Standsicherheit und der Erhalt der Decke. Ingenieure der Bereiche Bauwerksdiagnostik, Objekt- und Tragwerksplanung sowie Brandschutz arbeiteten teamübergreifend zusammen. Und tauschten sich ständig aus. Das hat Methode: Weniger Schnittstellen erhöhen die Transparenz für alle Projektbeteiligten. Davon profitiert nicht zuletzt der Bauherr.

Freiliegende Bewehrung vor der Sanierung
Freiliegende Bewehrung in der Rippendecke vor der Sanierung.
Wir sind überzeugt, dass wir Bauwerke nicht nur erhalten sollten, wenn sie Baudenkmale sind, sondern weil wir nachhaltiger denken müssen.
Nicht alle Schäden sind so offensichtlich wie dieser.

Flexible und effiziente Tragwerke entwickeln

Warum dieser Aufwand? Wir sind überzeugt, dass wir Bauwerke nicht nur erhalten sollten, wenn sie Baudenkmale sind, sondern weil wir nachhaltiger denken müssen. Gesamtgesellschaftlich. Graue Energie ist kostbar. Sie steckt in den vorhandenen Häusern, die wir immer wieder auf den neuesten technischen Stand bringen. 60 Prozent des jährlichen Mülls in Deutschland bestehen aus Baumüll. Reduce, Reuse, Recycle lautet daher das Gebot der Stunde. Bauen mit vorhandenen Substanzen macht heute einen beträchtlichen Teil der Projekte aus – ca. 37 % des gesamten Bauvolumens in Deutschland, Tendenz steigend. Nachhaltigkeit im Bauwesen hat für uns als Bauingenieure eine wesentliche Bedeutung. Ressourcenschonung betrifft nicht nur die Auswahl der Baustoffe. Es geht längst darum, flexible und effiziente Tragsysteme zu entwickeln und Bauten an neue Nutzungen anzupassen – hier sind wir Spezialisten gefragt.

Bauen mit Verstand – am Bestand

Beim Umbau sind Flexibilität und Teamgeist zwingend erforderlich. In Abstimmung mit den anderen Planungspartnern entscheiden unsere Ingenieure, welche Konstruktionen und welche Materialen die für das jeweilige Bauwerk sinnvolle ökologische und ökonomische Lösung darstellen. Oft geht es um ein ganzes Bündel von Fragen: Wie können wir möglichst energieeffizient sanieren? Wie lässt sich die Lebensdauer eines Gebäudes erhöhen? Lässt sich „Urban Mining“ anwenden? Und wo können wir im Gebäude-Lebenszyklus oder durch Einsatz langlebiger Baustoffe Wartungskosten einsparen? Wir unterstützen Bauherren und Architekten dabei, diese Fragen zu beantworten. Denn wir wollen Bauwerke sicher, dauerhaft und somit ressourcenschonend, nachhaltig und ökonomisch erhalten und weiterentwickeln. Das ist Nachhaltigkeit fürs 21. Jahrhundert.

Wir wollen Bauwerke sicher, dauerhaft  und ökonomisch erhalten und weiterentwickeln.
Innenräume beim Ausbau
Dem Bau auf den Zahn fühlen